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George Gissings "New Grub Street"

von Dr. Bernd Villhauer

George Gissing
George Gissing

Wie aktuell kann ein vor mehr als 120 Jahren entstandenes Buch sein? „New Grub Street“ beschreibt den Literaturbetrieb im viktorianischen England; erschienen 1891, wirft das Werk einen Blick zurück und stellt dar, in welcher Welt die Schriftsteller, Redakteure und Verleger der 1880er Jahre lebten. Unter dem Titel „Zeilengeld“ wurde eine deutsche Übersetzung 1986 in Hans Magnus Enzensbergers „Anderer Bibliothek“ veröffentlicht, die auf einer Übersetzung von 1891/92 beruht. Augenblicklich ist das Werk leider nur antiquarisch erhältlich. Die Suche danach in Antiquariaten und Bibliotheken oder im Internet lohnt sich aber für jeden, der sich professionell mit dem Literaturbetrieb beschäftigt.

 

In realistischem Stil, der spürbar an die französischen Naturalisten bzw. die englischen Gesellschaftsschriftsteller angelehnt ist, wird eine komplizierte soziale Welt des Umbruchs im Kleinen abgezeichnet. Die beiden Protagonisten, Jasper Milvain und Edwin Reardon, sind die gegensätzlichen Pole des Literatentums in dieser Welt. Reardon ist der Künstler als Schriftsteller, mit hohen ästhetischen Standards, erfolglos und vom Geist angekränkelt: „Er sah etwas älter aus, als er war, denn er zählte erst zweiunddreißig, und auf seinem Gesichte lag die Blässe geistigen Leidens. Oft verfiel er in Zerstreutheit und blickte mit großen, trübseligen Augen ins Leere.“ (S. 44)

 

Milvain hingegen verkörpert den Realisten auf dem Literaturmarkt; er versucht, dasjenige Produkt anzubieten, das sich am besten verkauft und auf diese Weise möglichst viel vom Kuchen abzubekommen. “Die Literatur ist heutzutage ein Gewerbe, und abgesehen von den Genies, die sich durch schiere kosmische Kraft durchbringen, ist der erfolgreiche Literat nur ein geschickter Händler.” (S. 9)

 

Er bringt damit eine Devise zum Ausdruck, die den damaligen Literaturbetrieb bestimmte und einen Typus von Mode- bzw. Erfolgsschriftstellern hervorbrachte, dessen prominentestes Exemplar vielleicht Benjamin Disraeli (1804-1881), der spätere Premierminister war. Disraeli ist auch deshalb erwähnenswert, weil an seinem Beispiel deutlich wird, dass sich in England die Herausbildung dieses Schriftstellertypus früh vollzog. Nicht erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sondern schon lange davor war den britischen Literaten die Orientierung am Markt eine Selbstverständlichkeit. Die Entwicklung ist sicherlich nicht verständlich ohne die Theatertruppen des Elisabethanismus und die religiöse Traktatliteratur. Bereits all diese Schriftsteller waren ihrem Selbstverständnis nach Anbieter einer Ware, nicht erst die Verfasser der Erfolgsromane im Viktorianismus.

 

Was allerdings im Laufe der Jahrhunderte zunahm, das war die Vielfältigkeit der publizistischen Landschaft, die Anzahl der Zeitschriften, Verlage, literarischen Gesellschaften und Buchhandlungen. Besonders die Zeitschriften spielten eine wichtige Rolle. Sie hatten sich auf der britischen Insel von erbaulich-religiösen Schriften im 17. Jahrhundert zu moralisch-aufklärerischen im 18. und schließlich literarisch-ästhetischen auf der einen bzw. politischen auf der anderen im 19. gewandelt. Durch sie wurde ein Netz von Beziehungen und Abhängigkeiten aufgespannt, in dem jeder Literat sein Glück zu suchen hatte.

 

Entscheidend war letzten Endes nicht nur das Verwandeln der Literatur in Ware, sondern das Verwandeln der eigenen Person in Ware – auf dem literarischen, dem gesellschaftlichen, dem politischen und dem Heiratsmarkt. Der „Held“ von Gissings Roman, Milvain, wird nicht nur erfolgreich weil er die Ökonomisierung seiner Textproduktion perfektioniert, sondern vor allem weil er die richtigen Beziehungen pflegt und eine wohlhabende Frau heiratet. Geld und Beziehungen – das sind die Elemente, die die Erfolgreichen von den Erfolglosen unterscheidet.

 

Mit Mitleid kann daher Milvain nur über seinen Freund Reardon berichten, der zwar einen kleinen literarischen Erfolg aufzuweisen hat, aus diesem aber letztlich nichts machen kann. Die Gesetze und Zyklen der Aufmerksamkeit sind dabei von besonderer Bedeutung: „Ich habe da einen Freund, der Romane schreibt. Seine Bücher sind nicht die Werke eines Genies, aber sie heben sich deutlich von dem gewöhnlichen Leihbibliotheksroman ab. Nun, nach ein oder zwei Versuchen errang er einen halben Erfolg, d. h. der Verleger brachte in wenigen Monaten eine zweite Auflage heraus. Nun war seine Gelegenheit da, aber er konnte sie nicht nutzen; er hatte keine Freunde, weil er kein Geld hatte. Sonst würden einflußreiche Freunde das Buch in Leitartikeln, in Zeitschriften, in Reden, in Predigten besprochen haben. Es hätte zahlreiche Auflagen erlebt, und der Autor hätte nichts weiter tun müssen, als ein anderes Buch zu schreiben und sein Honorar zu bestimmen. Aber der Roman, von dem ich spreche, war ein Jahr nach seinem Erscheinen vergessen, von der Flut der Neuerscheinungen weggespült.“ (S. 29/30)  

 

Gedenktafel
Gedenktafel

Möglicherweise ist auch hier das verbindende Element zu finden, das plausibel macht, warum man sich mit diesem viktorianischen Roman auch heute noch beschäftigen kann. Nicht dass Literatur als Ware behandelt wird – das ist durch die Jahrtausende immer wieder mehrheitlich der Fall gewesen. Jede Idealisierung „guter alter Zeiten“, in denen noch literarische Qualität zählte statt Verkäuflichkeit, verdient skeptische Seitenblicke ... Sondern die Beschreibung der Ökonomik der Aufmerksamkeiten und der Netzwerkdynamiken in „Zeilengeld“ ist eine hoch aktuelle.

 

Wie ein Buch die Aufmerksamkeit der „richtigen Leute“ erzielt, wie es in den „richtigen Blättern“ besprochen wird und so seine Leserschaft findet – das wird hier ausführlich für die 1880er Jahre in England dargestellt. Die Mechanismen sind nicht so verschieden von dem, was wir aus der Gegenwart kennen. Auch in der Bundesrepublik gab es oder gibt es einflussreiche Feuilletons und zentrale Multiplikatoren. Wobei auffällig ist, dass die Bedeutung der „großen alten Männer“ (und meist sind es Männer) abnimmt und die Bedeutung der „Schwarmintelligenz“ zunimmt. Eine Besprechung im Feuilleton der FAZ kann vernichtende Kritiken auf amazon.de wohl nur noch zum Teil kompensieren.

 

Woran liegt das? Zwei Elemente von vielen seien genannt. Das Ende des Mythos von der literarischen Qualität: Die Auffassungen darüber, was in der Literatur gut und schlecht sei, haben sich vervielfacht. Die Anzahl der „Autoritäten“, die mit ihrem Geschmack ein größeres Publikum beeinflussen können, nimmt eher ab als zu, was zu einem weiteren Grund führt, nämlich der Vermehrung der Rezensionskanäle. Während nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst die Zeitungen und Zeitschriften nur durch Radio und Fernsehen Konkurrenz bekamen, sind nun im Internet tausende von Foren entstanden, auf denen Literatur jeder Art besprochen und bewertet wird. Und diese neue Aufmerksamkeitskultur hängt nicht von einigen wenigen „Star-Rezensenten“ ab, sondern verläuft eher nach dem Prinzip der unkontrollierten Social Media-Verbreitung – ungesteuert, aber effektiv wie ein neues Gerücht.

 

In Gissings Welt ist die Bedeutung der Zeitschriften noch eine ganz andere. Eine der Figuren setzt ihre ganzen Hoffnungen darauf, zum Mitarbeiter einer Zeitung ernannt zu werden, um den eigenen literarischen Erfolg zu gewährleisten, aber auch um sich für Erniedrigungen aller Art zu rächen und die Macht zu genießen. „Doch jetzt erschien unerwartet ein Hoffnungsstrahl. Wenn dieser Rackett wirklich daran dachte, ihm den Redakteursposten des „Study“ zu geben, so konnte er doch noch die Triumphe kosten, nach denen er schmachtete. Er selbst war zu oft ohne Mitleid behandelt worden; es lag schließlich im Interesse des Publikums, wenn gewisse Leute eins auf die Nase bekamen, und seine Finger zuckten schon nach der Feder des Chefredakteurs.“ (S. 97)

 

Es ist eine Angst- und Ressentimentkultur, die hier beschrieben wird. Im Mittelpunkt stehen die Aufmerksamkeitsspannen des Publikums und – dem vorgeschaltet – die derjenigen, die bestimmen, was das Publikum zu sehen bzw. zu lesen bekommt. Um der minutiösen Beschreibung dieser Aufmerksamkeitsökonomie willen ist „Zeilengeld“ auch heute noch lesenswert.

 

Erstaunlich ist der Fatalismus, mit dem ganz selbstverständlich gezeigt wird, wie und dass die wertvollen Menschen untergehen. Ähnlich wie bei Jane Austen wird die menschliche Tragik durch die kühle Sachlichkeit der Schilderungen unterstrichen. Das Versagen und der Tod des begabten Künstlers Reardon werden ganz und gar unsentimental und gerade dadurch anrührend als Teil eines Verhängnisses der „großen Erwartungen“ vorgeführt. Diese Sachlichkeit ermöglicht ein schnelles Erkennen der Strukturen und Gesetzmäßigkeiten, die man schnell vom Zeitkolorit trennen kann.

 

Ein vor mehr als 120 Jahren entstandenes Buch kann sehr aktuell sein …

 

 

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