TexturenDebatten


Sa

28

Jan

2012

Zwischen allen Stühlen

Aktuelle Entwicklungen des deutschen Buchhandels

 

von Michael Buchmann

 

Der folgende Text ist eine Ausarbeitung der Thesen, die im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung des Literarischen Zentrums Göttingen am 26.01.2012 vorgetragen wurden: http://www.literarisches-zentrum-goettingen.de/programm/herbst-winter-2011-2012/hauptprogramm/angelika-barth-christian-roessner-und-julia-von-dem-knesebeck/.

 

Die Konzentrationswelle im Buchhandel zieht sich wieder zurück. Deshalb ist es nun an der Zeit, unaufgeregt und moralfrei über die Fehler und Vorzüge der jeweiligen Beteiligten zu sprechen. Viele kleine Buchhandlungen sind zu Recht vom Markt verschwunden. Einige hatten nur darauf vertraut, der Platzhirsch zu sein, und im erhabenen Gefühl des lokalen Verkäufermarkts bewusst viele KundInnen ausgeschlossen. Vor allem wenn sie nicht dem pädagogischen Impetus der sich als Intellektuelle generierenden BuchhändlerInnen entsprachen. Wer aus der Branche kennt sie nicht, die Szene, dass Kunden schüchtern nach einem Bestseller fragen und wegen ihres schlechten Geschmacks abgekanzelt werden? Tucholsky schrieb schon 1914 in der Schaubühne über die „apothekerhafte Schwerfälligkeit“ der Buchhändler. Diese bewusste Ausgrenzung ganzer Käuferschichten zusammen mit einer gewissen Achtlosigkeit oder gar Verachtung aller ökonomischer Belange, hat viele KundInnen in die dann neu eröffneten Filialen der Filialisten getrieben, wo die Hemmschwelle niedriger und das Sortiment einer größeren, weil weniger elitären Zielgruppe perfekt angepasst war.

 

Dabei hätte es geraden kleineren Buchhandlungen auf Grund ihrer überschaubaren Größe und weniger hierarchischen Managementstrukturen leichter fallen sollen, auf die Veränderungen flexibel zu reagieren. Zwei große Vorteile können diese kleineren Buchhandlungen einbringen: einmal den persönlichen Kundenkontakt, der nur bei einer begrenzten Fläche und Anzahl von KundInnen einerseits und MitarbeiterInnen andererseits funktionieren kann. Kunden, die vom Buchhändler auf für sie interessante Neuerscheinungen aufmerksam gemacht werden oder sogar über Persönliches sprechen, werden kaum zu einem Filialisten oder zum Internetbuchhandel abwandern. Eine persöniche Beziehung beruht idealerweise auch auf Vertrauen, gerade was den Einkauf und die Empfehlungen betrifft: hier steht die verkaufende Person für ihre Buchempfehlung ein, und nicht ein Verlag, der sich die Empfehlung der Woche erkauft hat. Und der zweite große Vorteil ist die Profilbildung: Filialisten wirken wegen des einheitlichen Marketings, der flächendeckenden Filialisierung und des Zentraleinkaufs austauschbar. Und wer austauschbar wirkt, wird früher oder später auch tatsächlich ausgetauscht. Kleine Buchhandlungen können durch Schwerpunktsetzung auf Regionalia, durch Netzwerke vor Ort und durch eine Sortimentsbildung punkten, die diejenigen Verlagen Rechnung trägt, die bei den Filialisten zu kurz kommen.

 

Denn das ist der entscheidende Unterschied: Filialisten werden der Doktrin der Rendite unterworfen. Selbstverständlich gibt es kompetente und engagierte BuchhändlerInnen auch bei den großen Ketten. Aber dieses Engagement für die verkauften Inhalte wird nicht unterstützt, sondern muss gegen das Management durchgesetzt werden. Auch inhabergeführte Buchhandlung möchten natürlich Gewinn machen. Aber dieses Gewinnstreben ist häufig nicht die einzige Motivation, eine Buchhandlung zu betreiben, sondern eine zweite neben der, Literatur zu fördern. Das führt dazu, dass diese Buchhandlungen häufig Kompromisse zwischen Literaturförderung und Gewinnstreben eingehen. Bei Ketten ist dies nicht möglich. Hier scheinen die Verantwortlichen zu glauben, nur das Bilanzierbare sei das Ökonomische und nur das Ökonomische habe Einfluss auf die ökonomischen Kennziffern; diese allzu naive Gleichsetzung ignoriert einige inhaltlich-ästhetische Faktoren, die zwar selbst nicht ökonomische sind, aber trotzdem direkten Einfluss auf die Bilanz haben können.

 

Trotzdem ist die Schadenfreude, die sich bei den jüngsten Meldungen über Flächenschließungen breit macht vor dem Hintergrund des vergangenen brutalen Verdrängungswettbewerbs zwar verständlich, aber nicht angebracht. Denn man sollte bedenken, dass diejenigen Flächen, die nun geschlossen werden, auf Dauer für den Buchhandel als Ganzen verloren gehen. Dies betrifft auch diejenigen Flächen, die wegen der noch laufenden Mietverträge in einer Verzweiflungstaktik für Randsortimente frei gemacht werden. Denn gerade im Bereich der Randsortimente trifft man auf noch größeren Wettbewerb und die Randsortimente sind weniger profitabel und die Austauschbarkeit wird noch offensichtlicher.

 

Das Problem des Verteilungskampfes im Buchhandel ist also das eine. Hier wird die Vielfalt der Literatur langfristig nicht in Gefahr sein, denn zumindest an denjenigen Orten, an denen man noch ein lesefreudiges und vielseitig interessiertes Publikum vorfindet, wird sich der Markt insoweit selbst regulieren, als die Lücken, die die Sortimentsreduktion der Filialisten eröffnet, von anderen Marktteilnehmer geschlossen werden können, und das häufig auch recht profitabel. Denn gerade die Bildungsbürger sind die kaufkräftigen Vielkäufer.

 

Und hierin besteht die eigentliche Gefahr. Denn vielen Marktteilnehmern ist gar nicht bewusst, dass der Kuchen, um den sie sich gerade streiten, zunehmend kleiner wird. Und ihnen ist nicht klar, dass es gemeinsamer Anstrengungen bedarf, den Kuchen zu vergrößern. Bei dieser Aufgabe hat der Börsenverein entsetzlich versagt. Es gibt weder eine vernünftige Kampagne für das Buch und das Lesen, noch brancheneinheitliche Konzepte, um an den technischen Emtwicklungen zu partizipieren. In der Vergangenheit ging jedem Boom des Buchhandels eine bildungspolitische Offensive voraus. Sollte auch der Umkehrschluss gelten, verheißt dies für die Zukunft nichts Gutes.

 

Die technischen Entwicklungen werden in den Feuilletons derzeit am heftigsten diskutiert und hier scheint die Devise zu gelten: je steiler die These, desto mehr Aufmerksamkeit ist garantiert. Schließlich hat es auch McLuhans dümmlicher These vom Ende der Gutenberg-Galaxis (sollte er vielleicht Ära gemeint haben?) nicht geschadet, dass ihre fünfzig Jahre andauernde Wiederholung bei steigenden Verkäufen eigentlich der beste Beweis für das Andauern dieser Ära ist. E-Books sind schon Jahrzente alt und haben sich schon lange dort durchgesetzt, wo sie auch einen Mehrwert bieten. Was tatsächlich recht neu ist, sind die Lesegeräte. Diese Lesegeräte sind eine Totgeburt, denn es ist unvorstellbar, das sich ein einzelnes gerät nur für das Lesen von E-Books am Markt wird halten können, wenn gleichzeitig Geräte wie Smartphones und Tablets nicht nur dasselbe können, sondern tausend Funktionen mehr bieten. Die Frage ist, ob sich E-Books im großen Stil werden durchsetzen können. Der Verkauf wird zweifellos steigen, und das sicher auch, aber eben nicht nur auf Kosten der gedruckten Bücher. Abstrus ist die Vorstellung, dieser Markt würde einen großen Teil der gedruckten Büchern überflüssig machen. An diesem noch überschaubaren Markt wird der Buchhandel, seien es kleine Buchhandlungen, die Filialisten oder auch Amazon, ohnehin nicht partizipieren, denn ihre Strukturen werden hier überflüssig sein. Die beiden großen Player Google mit dem Android Marketplace und Apple mit iTunes/textunes werden diesen Markt unter sich aufteilen. Dieser Markt wird übrigens auch deshalb überschaubar bleiben, weil ein elektronischer Marktplatz keine Zusatzverkäufe bzw. Kann-Käufe generieren kann. Hier werden nur Muss-Käufe getätigt werden.

 

Warum das so ist? Genau darum, weshalb auch der Sortimentsbuchhandel niemals überflüssig werden wird – weil Bücher kommuniziert und vermittelt werden wollen.

 

0 Kommentare

Mo

02

Jan

2012

Die elektronischen Reiter

Noch halten sie sich für die Cartwrights
Noch halten sie sich für die Cartwrights

 

Die Zerstörung der Wertschöpfungskette als Selbstzerstörung der Kreativwirtschaft

 

von Michael Schikowski

 

Das elektronische Lesegerät ist ein faszinierendes Ding. Es ist das Ding der unbegrenzten Möglichkeit, alle Bücher zu lesen. Als Ding im wörtlichen Sinne sieht man es allerdings weniger. Wenn man vom Fernsehen spricht, meint man ja auch nicht den Kasten bei sich zu Hause im Wohnzimmer. Man meint damit alles, was bisher gesendet wurde und noch gesendet wird. 

 

Ab igne ignem – Feuer vom Feuer hieß es im Altertum, denn wenn ich Feuer von meinem Feuer gebe, erleidet mein Feuer ja keinen Verlust. In ähnlicher Weise scheinen sich nun elektronische Bücher nahezu unerschöpflich verbreiten zu lassen. Ohne Verlust. Und alle gewinnen. Das E-Book muss nicht transportiert werden. Es muss nicht in einer Buchhandlung beleuchtet und beheizt werden. Das E-Book steht immer und überall zur Verfügung, sofern man über ein entsprechendes Lesegerät verfügt. Danach ist das E-Book ein Ding, das sensationell umstandslos ist.

 

Vor diesem Hintergrund erscheint alles andere als umständlich und gestrig. Im DE:BUG. Magazin für elektronische Lebensaspekte schreibt Sascha Kösch in der Oktober-Ausgabe: „Auf der anderen Seite stehen all die Frustrierten, die nie einen Fuß in die Verlagswelt bekommen, aber überall neue Möglichkeiten wittern, erst im Netz, auf eigenen Blogs, mit dem Potential viraler Verbreitung und etablierten Online-Geschäftsmodellen ähnlicher Art.“ Buchmarkt und Verlage scheinen im Verbund mit dem Feuilleton anderen den Zugang zu verweigern. So wittern die Kreativen an den Schnittstellen von Musik, Medien, Kultur und Design durch das E-Book Morgenluft. Die Zukunft verspricht ihnen endlich eine Besserung ihrer wirtschaftlichen Basis.

 

Der Kampf um Aufmerksamkeit

 

Schon jetzt sind rund 170. 000 der über die Künstlersozialkasse Versicherten, zu denen auch die freien Publizisten und alle weiteren Sparten der Kreativen gehören, auf ein Einkommen angewiesen, das durchschnittlich unter € 14.000 im Jahr liegt. Diesen muss das Versprechen auf Einsparung aller Zwischenstufen vom Verlag bis zum Buchhandel sofort einleuchten. Die Umgehung genau der Institutionen, die ihnen die Aufmerksamkeit, den Zugang und vor allem die Geldmittel verwehren, ist ihnen sogar ein Anliegen.

 

Als zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Buchhandlungen größere Schaufenster aufkamen, wurden Buchumschläge eingeführt, um die Bücher von der Straße aus sehen zu können. Als die Bücher den Kunden nicht mehr auf Anfrage über den Verkaufstresen gereicht wurden, sondern in den Regalen und auf Tischen lagen, steigerte sich die Bedeutung der Umschläge nochmals erheblich. Heute werden Buchumschläge und auch der Buchblock optisch wie haptisch aufwändig und raffiniert gestaltet. Umschlag und Buchblock sind also kulturelle Einrichtungen, die ganz bestimmte Aussagen über das Buch oder Versprechen an den Leser transportieren. Gleicherweise sind der Verlag und sein Programm, innerhalb dessen das Buch erscheint, sowie die Buchhandlung und das Ambiente, innerhalb dessen das Buch zum Kauf angeboten wird, das Buch umgebende, es heraushebende kulturelle Einrichtungen. Von der Wahl der Typografie bis zur Präsentation im Bücherstapel handelt es sich hierbei um Einrichtungen, durch die Texte allererst sichtbar werden. 

 

Der Umschlag des Buches ist eine visuelle Kommunikation seines Inhalts, der Buchblock und der Prägedruck auf dem Umschlag seine haptische Kommunikation. Das Buch wird im Verlagsprogramm und auf Büchertischen in einen Zusammenhang gestellt, der über das einzelne Buch weit hinaus geht. In unzähligen Gesprächen wird das Buch weiter getragen. Man muss sehen, dass in jedem einzelnen genannten Punkt, jedes einzelne Buch Gegenstand einer Wertschöpfungskette ist, die das Buch wesentlich verändert.

 

Bücher als Sparschweine 

 

In der Regel wird innerhalb der E-Book-Ideologie dieser Sachverhalt aber so verstanden, dass hier ein Aufwand an Material und Gestaltung am physical book, wie man es in der Community nennt, eingespart werden kann. Nicht anders kann der Transport und die Bevorratung des Buches eingespart werden. Schließlich kann, wenn das E-Book über das Netz verkauft wird, der Buchhändler, der Literaturagent, ja sogar der Verlag eingespart werden. Wem kommt zu Gute was hier eingespart wird? Den Autoren und nur den Autoren. So jedenfalls die gängige Meinung.

 

Nach der Vorstellung von Sascha Kösch ist der Buchmarkt eine geschlossene Gesellschaft und daher das E-Book vor allem ein Instrument, wie es bei ihm wörtlich heißt, „die Verlage zu umgehen“. Sofern Buchmarkt und Verlage allerdings prinzipiell chancenreiche und für jeden offen stehende Institutionen sind, funktioniert diese Erzählung nicht. Daher ist es notwendig, in der Verlags- und Buchhandelsbranche einen Popanz aufzubauen und es fallen bei Sascha Kösch Sätze, die der Community sofort einleuchten müssen: „Der Buchmarkt ist in vielen Ländern heilig. Immer noch.“ Die Unkenntnis der Community über den Popanz Verlagsbranche lässt sich an einem einfachen Versuch demonstrieren, den jeder selbst unternehmen kann: Lassen Sie den E-Book-Ideologen nur die Anzahl der festen Mitarbeiter im Verlag Kiepenheuer & Witsch (den er zumeist kennt) schätzen. Die Antworten, die ich hörte, lagen nie unter 200!

 

Wer wissen will, wie es als Autor ist, unter den Bedingungen des E-Books ohne funktionierenden Buchhandel, Zwischenbuchhandel und Verlag, auf dem Markt zu bestehen, der schaue nicht in die Zukunft. In Balzacs Verlorenen Illusionen ist das alles nachzulesen. Lucien de Rubempré versucht seinen Roman Der Bogenschütze Karls IX. unterzubringen und muss hören: „Wenn wir Bücher auf eigene Rechnung herstellen, sind das Geschäftunternehmungen, wegen deren wir uns an gemachte Namen wenden.“ Die als unbegrenzt und frei bezeichneten Möglichkeiten der elektronischen Zukunft sind in Wahrheit Freiheiten, die alle auf Rechnung der Autoren laufen werden.

 

Bücher aufwändig zu gestalten und umständlich zu bevorraten und in diversen Verwertungsstufen vom Verlag bis zur Buchhandlung zu vertreiben, ist aus der Sicht der E-Book-Ideologen ein fast schon idiotischer Aufwand. Man muss es ihnen also immer wieder sagen: All dieser Aufwand wurde und wird betrieben, weil sich das Buch schlicht besser verkauft als ohne. Ein Aufwand, mit dem sich in den letzten 150 Jahren die Verdienstchancen der Kreativen extrem verbessert haben.

 

Der finanz-digitale Komplex

 

Angesicht der unbegrenzten Möglichkeiten des E-Books muss man also die Betrachtungsweise ändern. Wer ein Buch in einer Auflage von 3.000 Exemplaren druckt, stellte unter den Bedingungen von 1980 Öffentlichkeit her, sorgte für die Verbreitung des Buches. Unter den heutigen Bedingungen der möglichen Allverbreitung eines elektronisch gespeicherten Textes erscheint die Sache in einem ganz anderen Licht. Nun sorgen 3.000 gedruckte Exemplare eines Buches für seine Verknappung. Das Buch ist dann nur an dem Ort einsehbar, an dem sich mindestens eines der 3.000 Exemplare befindet. Undiskutiert ist bislang, dass das E-Book ja nur unter stark eingeschränkten Bedingungen den Besitzer wechselt. Vielleicht wechselt es überhaupt niemals den Besitzer, sondern bleibt stets nur immer dieses eine Exemplar, zu dem gegen Geld Zugang gewährt wird. Eine einstweilige Verfügung gegen das Buch, ein politischer Richtungswechsel, eine religiöse Konversion des Autors all dies könnte zu einer plötzlichen Sperrung des Zugangs führen. Eine Möglichkeit, die bei einem gedruckten und bereits verkauften Buch so nicht besteht.

 

Man muss in all dem keine finanz-digitale Verschwörung sehen, aber hier zeigen sich Möglichkeiten, die von der digitalen Community auch nicht einmal im Ansatz kritisch reflektiert werden. Die Diskussionen und Umgangsweisen mit den Tatsachen der elektronischen Entwicklung gleichen der geistigen Ödnis der Berichte aus der Finanzwirtschaft. Wie diese sich angewöhnt hat, dem Wetterbericht zu gleichen, bei dem es eben Regen gibt und zu nicht mehr aufgerufen wird, als sich einen Schirm zu kaufen. So gibt man sich dem scheinbar Unvermeidlichen hin.

 

Prekär lebende Kreative und autoaggressive Etablierte möchten lieber heute als morgen ein System untergehen sehen, das erstere zurückweist und letztere langweilt. Wessen Geschäft sie damit auch betreiben, ist ihnen selten klar. Denn wer gewinnt wirklich? Ein finanz-digitaler Komplex, der alle Spezifitäten einebnet und, zunächst an allen Stationen der Wertschöpfungskette mitverdienend, jedes einzelnes Glied der Kette optimiert. Inzwischen wird klar sein, was unter dieser Optimierung zu verstehen ist. Branchenfremden, die in der Branche zunehmend das Sagen haben, fehlt – das verbindet sie mit einigen Kreativen das Verständnis, welche Wertschöpfung im funktionierenden Buchhandel statt findet. Verständnis hier allerdings nicht im Sinne der Nachsicht verstanden. Es fehlt ihnen das Verständnis aus Mangel an Bildung. Sie sehen keine Wertschöpfung, sondern lediglich Funktionen: Bevorratung und Besorgung. Optimierung heißt dann hier, alle Faxen weg zulassen und die Funktion von Bevorratung und Besorgung Aushilfen zu übertragen. Optimierung ist damit objektiv Zerstörung der Wertschöpfungskette.

 

Buch und E-Book gehören in den Zusammenhang einer breiten Entwicklung: Internet anstelle der Zeitung, Facebook statt Kegelclub. Da die neuen Kulturtechniken der Informationstechnologie jedoch auf den alten Kulturtechniken fußen, werden enorme Anstrengungen der Bildungsinstitutionen erforderlich sein, die Basis zu erhalten. Ein Unterricht, der sich nur an den vorgeblich so anderen und neuen Kulturtechniken ausrichtet, verliert seine eigenen Voraussetzungen aus dem Blick, die in den alten Kulturtechniken liegen. Wer nicht im Lexikon nachzuschlagen gelernt hat, kann auch Google nicht nutzen. Wer nicht ausdauernd zu lesen gelernt hat, ist auch beim E-Book überfordert. Wer in beiden Kulturtechniken unzureichend ausgebildet ist, dem fehlt es an der Möglichkeit, eine Wertschöpfungskette auch nur sehen zu können.

 

Pisa-Schock 2025

 

Es fragt sich, wie schnell der Gesellschaft die Notwendigkeit des Gegensteuerns plausibel wird und wie viel ihr das Gegensteuern wert ist. Schon jetzt sind uns Buchhandel und Verlage eine Menge wert. Die niedrigere Mehrwertsteuer, die Preisbindung und zahlreiche Fördermaßnahmen von Literaturpreisen bis Festivalzuschüssen, aber auch der (wenn auch gekürzte) Bibliotheksetat zeigen das. All dies wird weiterhin und in verschärfter Form von der Bereitschaft der Gesellschaft abhängen, sich Bücher, Verlage und Buchhandlungen als notwendige Wertschöpfungskette kultureller Güter zu leisten.

Was nützt ein historischer Roman wie Der Bogenschütze Karls IX., wenn er ohne diejenigen bleibt, die glauben, dass es sich um einen großartigen Roman handelt? Was geschieht in diesem Fall mit einem E-Book? Es bleibt ebenso ungeladen, wie ein Buch, über das niemand spricht, in der Buchhandlung liegen bleibt. Da nun aber im Falle des E-Books Umschläge und Buchblock als Gestaltungsplattformen nicht mehr  bzw. als bloße unsinnliche Abbildung existieren, wird es nicht etwa einfacher, sondern schwieriger, ein E-Book überhaupt zu verkaufen. Selbst für etablierte Autoren wird schon das Verkaufen schwierig und das Verteidigen der Verwertungsrechte unmöglich.

 

Die abgehängten Follower

 

Die spanische Autorin Lucía Etxebarria teilte Mitte Dezember 2011 ihren Lesern über facebook mit, dass sie aufgehört habe zu schreiben. Von ihren Romanen, die auch schon ins Deutsche übersetzt wurden, werden nach ihrer Erfahrung inzwischen mehr illegale Kopien im Internet verbreitet, als in den Buchhandlungen gekauft. Dass man gar nicht auf die Idee kommen dürfte, von einem Text auch etwas zu haben, liest man nun allenthalben! Zugleich wird dabei das Modell des Künstlers, der wirklich muss, aus dem 19. Jahrhundert bemüht, der dann aber, wenn er es lässt, eben kein Künstler sei. Hier bekommt Lucía Etxebarria nur das furchtbar selbstlose Lebensmodell der digitalen Kreativen entgegen gehalten, die derweil weiter die Texte anderer online stellen. Eine Selbstlosigkeit ohne Selbst. Hier zeigt sich auch: man muss, wenn man publiziert, nicht allein verkaufen, man muss das Publizierte auch verteidigen können. Dies gelingt Lucía Etxebarria nicht einmal mit einem Verlag im Rücken. Wie sollte das dem E-Book-Einzelkämpfer je gelingen?

 

In diesem Zusammenhang ist es vielleicht wichtig zu sehen, dass in Spanien nicht allein die Internetpiraterie ein derartiges Ausmaß angenommen hat, dass sich die Kultur, um es wertfrei zu sagen, transformiert. Die erschreckend hohe Zahl an arbeitslosen Jugendlichen in Spanien muss dazu ins Verhältnis gesetzt werden. Aus der kulturellen und sozialen Desintegration der Kulturfolger, die sich abgehängt fühlen, lässt sich relativ mühelos ihre digitale Aggression ableiten. Für Deutschland fragt sich bereits Kiepenheuer & Witsch-Verleger Helge Malchow im Börsenblatt (51/2011): "Die interessante Frage für mich ist aber, woher diese Emotionen kommen, woher diese Aggression?" Nach dem "Ausmaß von Polemik und Sarkasmus auf den Social-Media-Plattformen" gefragt, zeigt er sich überrascht "über diese rhetorischen Punkkonzerte, die da gegeben wurden." Woher diese Häme, woher die Aggression?

 

Wenn Malchow fünf neue vielversprechende und gute Autoren verlegt, düpiert er inzwischen hunderte andere, wenn das Feuilleton Katja Kullmann erwähnt, sehen sich hunderte andere unerwähnt. In jeder Nennung konstituiert sich ein Außerhalb, das bislang jeder mit sich selbst abmachen musste. Nun ist das Außerhalb spinnwebenfein vernetzt und als Community digital abgebildet. Aus dieser Community rekrutieren sich dann die Follower, die sich langsam darüber klar zu werden beginnen, dass sie vielleicht gar keine Kulturfolger sind, sondern eigentlich durch Unterhaltungsbrösel auf Abstand gehaltene Abgehängte.

 

Zeigt die Entscheidung der Spanierin Lucía Etxebarria nicht auch ein wenig, dass nun Bedingungen eintreten, durch die bestimmte Großformate der Kultur wie der Roman ihre ökonomische, soziale und kulturelle Bindekraft verlieren? Vielleicht lässt diese Emigration der potenten Kulturschaffenden – viele finden ja längst als Drehbuchautoren ein gutes Einkommen – bloß noch digital Partikularisierte zurück. Der Partikularisierung der Schreibenden, lässt sie sich bereits an den zahllosen Kulturpartikeln ablesen, die Sascha Lobo, Tim Renner, Kathrin Passig, Jo Lendle, Steffen Meier, Martin Sonneborn und andere per Twitter oder Facebook mal als feinsinnige Beobachtung, mal als Satzkrümel ausstreuen?

 

Die elektronischen Reiter der strukturellen Apokalypse, die sich noch für die Cartwrights aus Bonanza halten, werden sich noch wundern, wie abgrundtief ihr Einkommen sinken wird, wenn die grüne Wiese ihrer kreativen Experimente von den Globalanbietern, sei es nun Google, Facebook oder Amazon, reguliert wird. Sie bilden den finanz-digitalen Komplex. Die finanziellen Möglichkeiten dieses Komplexes unterspülen nicht allein die Verlagsbranche und den Buchhandel, sondern zugleich alle Bildungsinstitutionen. Erreicht wurde diese Marktmacht durch bloße Konvertierung der Bildungsinhalte in digitale Formen.   

 

Tüte, Tasche box it

 

Das Marketing ganzer Branchen versucht das Unsichtbare, eine Dienstleistung beispielsweise, greifbar zu machen und anschaulich zu verpacken. Die „Verpackungen“ des Buchs, der Umschlag, die das Buch umgebende Verlagsprogrammatik, aber auch das Ambiente gehobener Kulturgüter in der Buchhandlung, die allesamt das einzelne Buch zehnmal ja manchmal hundertmal besser verkaufen als ohne, müssen nun also ersetzt werden. 

 

Was jedoch für die Wertschöpfungskette im öffentlichen Raum gilt, in dem Verlage, Buchhandel und Presse die wichtigsten Akteure sind, gilt ebenso für den privaten Raum. Auch hier bedroht das E-Book die Wertschöpfung, die die Bücherwand als kulturelles Kapital bedeutet. Wie lange wird das noch so sein, dass die Bücherwand gegen den spricht, der sie hat?   

 

Die Rhetorik des gestalteten Buchkörpers

 

Gute Texte, heißt es, setzen sich immer durch. Das ist vielleicht richtig, zumindest aber zu hoffen. Die sinnliche Erfahrbarkeit der Texte, ihre Verkörperung im so oder so gestalteten Buchkörper wird notorisch unterschätzt. Wer Leseproben auf dem Bildschirm oder ein Skript auf Papier mit dem Erlebnis eines in die Hand genommen Buches vergleicht, erfährt unmittelbar, wie schwer es dem Bildschirm wie einer bloßen Kopie einzelner Seiten fällt, den Text zu plausibilieren. Das auditive Erlebnis des Buchkörpers, der beim ersten Öffnen knackt, seine olfaktorische Reizung, wenn dem frisch geöffneten Buch ein eigentümlicher Geruch entströmt, die haptischen Qualitäten des Umschlags, des Papiers, des Gewichts des Buchkörpers und die weiteren ästhetischen Anmutungen von der Farbgebung bis zu Typografie – all dies ist keine sentimentale Beschreibung eines Buches, keine Romantik der Handgreiflichkeit!

 

Es handelt sich vielmehr um eine vollkommen unsentimentale Wertschöpfung, die sich als Rhetorik eines gestalteten Buchkörpers interpretieren lässt. Wem sich da nichts mehr vermittelt, der zugleich aber Entscheidungsträger der Branche ist, fühlt sich um so großartiger, je mehr es ihm gelingt, die Branche nach dem Vorbild seiner Wahrnehmungsdefizite zu modellieren. 

 

Das physische Buch wird sich daher nicht einfach erhalten, nur weil es taktil und ästhetisch erlebbar und daher seinem digitalen Schatten jederzeit überlegen ist. Zur Wahrnehmung zentraler Kulturgüter bedarf es ausgebildeter Organe, die sie verstehen oder zumindest wertschätzen. Da die zentralen Kulturtechniken veröden oder wie in Hamburg, wo die Grundschulen nun zwischen Schreib- und Druckschrift wählen dürfen, sich geradezu selbst abzuschaffen beginnen, arbeiten zu viele Kräfte einer Entwicklung zu, die, da nicht zu verhindern, auf gespenstische Art und Weise rabiat herbeigeführt werden muss.

 

Das Bewusstsein der Verluste

 

Vielleicht wird sich nun verstärkt zeigen, dass die Kreativen, die am Anfang der Wertschöpfungskette der Branche stehen, auf Grund der Unmöglichkeit ein auch nur geringes Einkommen zu erwirtschaften, dieser den Rücken kehren. In der Mitte der Kette steht der Buchhandel, der sich in der Branchenpresse vergeblich nach Gegenargumenten umsieht. Wer sich hier nicht augenblicklich in der Rolle des Grüßonkels einer als unvermeidlich dargestellten Entwicklung geriert, wird geschmäht, wie Gottfried Honnefelder im Blog von Leander Wattig. Letzterer wird nun für seine ausgestellte Zackigkeit, die die ganze Community kennzeichnet, ab 2012 in St. Gallen als Lehrbeauftragter ins Geschirr genommen.

 

Von den digitalen Followern, die die Entwicklung bislang mit einer verblüffenden Wurschtigkeit kommentierten, ist augenblicklich absolut nichts zu erwarten. Und am Ende der Wertschöpfungskette werden die Abnehmer schon gleich so eingeschult, dass sie im System der Druckbuchstaben jede leibliche Selbstwahrnehmung im Schreiben verlieren. Vielleicht ist die traurige Tatsache, dass hier etwas Unwiederbringliches verloren geht, nicht so schlimm, als dass sich hier ein Zugang endgültig schließen könnte. 

 

Die Anpassungsleistungen der Branche werden von der Community weiterhin, ganz gleich ob Verleger diese nun offen legen oder sich bedeckt halten, mit Gehässigkeit belegt. Daran lässt sich ganz gut die Verantwortung der Verleger für Autoren, Mitarbeiter und Mitstreiter im Unterschied zur systematischen Unverantwortlichkeit bloß digital Vernetzter sehen. Vielleicht wird die Branche ja auf das Niveau von 1960 zurückfallen, in Hinsicht der Anzahl der Buchhandlungen und auch in Hinsicht des Buchangebots. Dass allerdings die weiteren hoch entwickelten Funktionsbereiche der Branche, wie Literaturhäuser, Literaturfestivals und Literaturförderung, in denen kein geringer Teil der Community jetzt noch ein Teilauskommen finden mag, davon unberührt blieben, ist kaum anzunehmen. Aber auch hier scheinen sie nichts zu ahnen, die Aussichten des Social Media sedieren augenblicklich eine ganze Generation. 

 

Das Bewusstsein über die Verluste einer lebendigen Buchkultur zu erhalten, bedeutet an den finanz-digitalen Komplex nicht mehr abzutreten als unbedingt notwendig. Das Bewusstsein der Verluste mag außerdem helfen, der Kreativwirtschaft – es ist in der Tat so, dass es Kreative ohne wirtschaftliche Basis nicht geben kann – und der Branche einige Argumente gegen eine als unvermeidlich dargestellte Entwicklung an die Hand zu geben.  

 

Ein Bild von einem Buch

 

Über die Buchgestaltung hinaus haben Autoren und Verlage auch das Problem zu lösen: Wie wird das Buch zum öffentlichen Gespräch? Hinsichtlich dieser Aufgabe unterscheiden sich E-Book und Buch überhaupt nicht! Und doch kann man den Unterschied zwischen einem Buchumschlag, der einen physischen Buchkörper umschließt, und einem E-Book, zu dem sich auf dem Bildschirm lediglich die Abbildung eines Umschlags findet, nicht häufig genug betonen.   

 

Aber sind nicht gerade Buchhändler und Verlagsbuchhändler schon geübt darin, anlässlich der Vorschau über Bücher zu sprechen, die es noch gar nicht gibt? Die Technik ist in der Herstellung hocheffizient und überaus schnell. Mitunter erscheinen Bücher nach weniger als vierzehn Tagen aufgrund eines Ereignisses. Aber das wird immer eine Ausnahme bleiben, denn Büchermachen entscheidet sich weniger an der Schnelligkeit der Maschinen als an der Dauer des Nachdenkens, beim Schreiben nicht weniger als beim Lesen.

 

Dadurch, dass der Buchhandel auch als Markt gesehen wird, beginnt er sich selbst nur noch als Markt misszuverstehen. Bereits als sich dieser Markt zu etablieren begann, gab es unter Schriftstellern den Verdacht, dass er nur Markt sei: „Was er von dem Kauderwelsch verstanden hatte“, heißt es nach Luciens Begegnung mit der Buchhandels- und Verlagsbranche im Paris um 1830, „ließ ihn erraten, dass für die Buchhändler Bücher dasselbe waren wie für den Weißwarenhändler Nachtmützen, eine Ware, die man billig einkauft, teuer verkauft.“

 

Eine gekürzte Version dieses Textes erschien im BuchMarkt Januar 2012.

 

4 Kommentare

Do

17

Nov

2011

Billy und die digitalen Mythologen

Bezahlung - hier nur räumlich von der Dienstleistung getrennt. In der digitalen Welt ist sie bereits ganz abgetrennt.
Bezahlung - hier nur räumlich von der Dienstleistung getrennt. In der digitalen Welt ist sie bereits ganz abgetrennt.

von Michael Schikowski

 

Wie oft und an wie vielen Stellen ist mir schon die sensationelle Neuigkeit unter die Nase gemailt worden, dass IKEA die Tiefenmaße des Bücherregals Billy von 30 auf 40 Zentimeter erhöht. Dergleichen wird in der Community wie ein epochaler Paradigmenwechsel verbreitet: IKEA schafft das Bücherregal ab! Mir ist vollkommen entgangen, dass das Möbelhaus nun die Zukunft des Buches voraussehen kann. Auf welcher empirischen Basis man diese Entscheidung bei den Schweden auch immer getroffen haben mag, am Ende ist es die digitale Community selbst, die diese Entscheidung plausibilisiert. Allein dadurch, dass sie sie verbreitet. Die Verbreitung ist dann die Botschaft. Denn inzwischen hat sich die digitale Community vor allem darin als erfolgreich erwiesen, digitale Mythen zu verbreiten. Man nennt das auch gerne selbstbewußt virales Marketing, unterschlägt aber immer, dass der Stuss, der damit verbreitet wird, über seine Verbreitung sich nicht in lautere Wahrheit verwandelt.

 

Eine Mitarbeiterin einer Kommunikationsagentur erzählt einer Autorin, sie habe neulich von einem Experiment in den USA gehört: Vorschulkindern wurden Kinderbücher kommentarlos in die Hand gegeben. Diese Kinder nahmen das Buch wie ein Brett in die Hand und bewegten angeblich die Finger auf dem Buchrücken nach oben und unten, ganz wie auf einem elektronischen Lesegerät. Beim Hören hat es die Mitarbeiterin nicht belassen, sie sagt es weiter und die Autorin hat es sogar in ihrem Blog aufgeschrieben.

 

Es geht hier allerdings nicht darum, diese Nachrichten aus der Möbelwelt und Geschichten aus der digitalen Wirklichkeit einfach nur hinsichtlich ihres Wahrheitsgehalts zu bezweifeln. Es geht um die kommunikative Funktion dieser Nachrichten und Geschichten. Nachrichten und Geschichten, die nur weiter gereicht, nur weiter erzählt werden. Nichts weiter. Die Community erweist sich gegenüber den Nachrichten und Geschichten so gleichgültig wie ein Schwamm gegenüber Feuchtigkeit. Der saugt auch Gülle auf.

 

Haben oder Design

 

Wer hier von einer E-Book-Lobby spricht, droht sich nachgerade lächerlich zu machen. Wie aber die Prozesse sich vollziehen, in deren Verlauf die Community sich als hilfloser Handlanger erweist, kann man sich im Bereich der Landwirtschaft klar machen: Wie gelingt es, die Getreidepreise zu kontrollieren? Indem ich mich an den Anbau von Getreide mache, also Felder kaufe? Indem ich Speicher baue und Getreidespeicher anlege? All dies nicht, man lässt sich einfach die Erbinformation patentieren. Analog dazu wird man in der E-Book-Lobby versuchen, eine Verwertungsstufe zu finden, die allem, der kreativen Bebauung wie auch der Bevorratung und Speicherung von Kreativität voraus liegt. Im Oktober 2011 patentierte man in den USA die Handbewegung, mittels der man ein iPhone entriegelt. Die Community macht hier in ihrer ganzen heiteren Harmlosigkeit den Eindruck, dass sie vom Verständnis der Verwertungsstufen der digitalen Industrie so weit entfernt ist, wie der Bauer von der genetischen Erbinformation seines Getreides. 

 

Digital unpolitisch

 

Aber es könnten ja zugleich diejenigen, die sich über die Maße von Billy im digitalen Zeitalter so wegfreuen, ihre ganze Kompetenz zur elektronischen Informationsbeschaffung auch anders nutzen. Sie tun es aber nicht und dies mag nicht zuletzt an ihrer unpolitischen Sozialisation liegen. Was würden sie denn feststellen können? Einmal, dass das schwedische Möbelhaus in Deutschland einen Marktanteil von knapp 13 Prozent hat. Schließlich, dass im Jahr pro Haushalt kaum 750 Euro für Möbel ausgegeben werden. Wer Geschichten und Nachrichten über das Netz verbreitet, so könnte man schließen, verbreitet sie über das Netz, weil er das Netz nicht richtig zu nutzen versteht.

 

3 Kommentare

Fr

23

Sep

2011

Der ungebetene Ratgeber

Berate sich wer kann
Berate sich wer kann

von Michael Schikowski

 

Warum werden in literarischen Buchhandlungen keine Ratgeber geführt? Es mag sein, dass für Basteltechniken, Anleitungen zur Gartenpflege und Literatur über Haustiere schlicht der Platz nicht reicht. Aber die Buchhändler lehnen sie – vor allem aber die psychologischen Ratgeber – vehement ab. Womit kann man sich diese Haltung erklären?

 

Die Ursache dafür mag daher stammen, dass man im Ratgeber den vollendeten Ausdruck dessen erblickt, was der Soziologe Norbert Elias den >>Zivilisationsprozess<< genannt hat. Dieser besteht im Wesentlichen darin, den Menschen seiner natürlichen Neigungen und Bedürfnisse zu entfremden und für eine bestimmte Kulturstufe zuzurichten. Ratgeber sind in diesem Sinne - und vielleicht auch nicht ganz falsch - als Anleitungen zur Angleichung und als Hilfestellungen zur Konformität zu verstehen.

 

Buchhandlungen wie >Ypsilon< in Frankfurt, >Roter Stern< in Marburg, >Proust< in Essen, >Georg Büchner< in Berlin oder der >Andere Buchladen< in Köln sind vielleicht auch als Szenebuchhandlungen richtig beschrieben. Ihren Geschäftführern und Mitarbeitern nicht allein, auch den Kunden dieser Buchhandlungen ist Konformität, zu denen für sie Ratgeberreihen zu gehören scheinen, das pure Grauen. Man muss allerdings nicht gleich unterstellen, dass die Verächter des Ratgebers Norbert Elias Werk gelesen haben. Es reicht aus, diesen kulturkritischen Habitus anzunehmen und als niveauvolle, individualistische Haltung zu kultivieren. Im Übrigen verkennt diese überaus kritische Haltung gegenüber Ratgebern, den Eigensinn der Zielgruppe. Die Empfehlungen der Ratgeber werden weder aus dem einzelnen Ratgeber 1 zu 1 übernommen, noch wenn Ratgeber über Jahrzehnte eindeutige Ratschläge geben. Über Jahrzehnte wurde in Ratgebern das Stillen empfohlen. Davon völlig losgelöst, folgte nach Untersuchungen die Entscheidung der Frauen selbst zu stillen oder Flaschennahrung einzusetzen, ganz eigenen Kriterien. Die Folgsamkeit der Kunden für Ratgeber stellt man sich also auch bei den Kulturwissenschaftlichern eine Spur zu naiv vor. Der Kulturanthropologe Timo Heimerdinger stellt dazu fest: „Mit der normativen Wucht und der Alltagsgängigkeit der Ratgebertexte kann es also nicht so weit her gewesen sein, wie die Forschung in weiten Teilen nahelegen möchte.“ Auch Ratgeber-Kunden meinen: „Eigensinn macht Spaß“ (Hermann Hesse).

 

Bei Ratgebern im Weiteren Sinn erklärt sich die Distanz sicher auch aus Gründen unterschiedlicher Herkunftmilieus. Während die Bastel-, Reparatur- und Verschönerungsratgeber sich an Milieus wenden, die man stark dem Harmoniemilieu zurechnen kann, zählen sich >literarische Buchhändler< sicher eher zum Selbstverwirklichungsmilieu. (vgl. Gerhard Schulze: Erlebnisgesellschaft) Es mag im übrigen auch kein Zufall sein, dass die ersten Diskussionen um Zielgruppen in den Ratgeberverlagen vor allem bei Gräfe & Unzer begann. Heute fehlen in keiner Marketingbesprechung der Verlage, auch keinem belletristischen übrigens, die Sinusstudien der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK).

 

Ein weiterer zwischen „Literatur“ und „Ratgeber“ nicht vermittelbarer Sachverhalt liegt in der Sichtweise der letzten einhundert Jahre Buchhandelsgeschichte als Befreiungsgeschichte. Damit ist gemeint, dass den ausgeschlossenen, benachteiligten Milieus die Literatur durch den verbreitenden Buchhandel erschlossen und zugänglich gemacht wurde. Der Zugang zur Kultur wird darin als Akt der Befreiung gesehen. Eine Auffassung, die den aktuellen Überlegungen zu open access oder Wikileaks nicht unähnlich ist. An der Segmentierung der Literaturgeschichten in Arbeiter-, Frauen- und später dann Schwulenliteraturgeschichten lässt sich diese Erzählstruktur ebenso finden.

 

Aus der Sicht der Marktbeobachter, die ohne kulturpolitische Prägung die Entwicklung betrachten, kann sich die Geschichte der kulturellen Entwicklung der letzten einhundert Jahre ganz anders darstellen. Zumal, wenn man eine gleichsam >außerliterarische< Perspektive einnimmt. Dann ist die Geschichte des Buchhandels eine Markterschließungsgeschichte. In dieser Version steht das Wachstum der Verlage im Mittelpunkt, das - immer wenn es an eine Grenze kam - neue Käuferschichten zu erschließen hatte. Das Programm diversifiziert, die Ausstattung passt sich an, die Preise sinken. Die Befreiung erscheint in dieser Perspektive als bloße Absatzerweiterung, in der bislang ausgeschlossene Milieus als Neu-Kunden erschlossen werden.

 

Zu fragen wäre allerdings, was die treibende Kraft der Entwicklung ist, der Druck von „der Straße“, endlich auch an den Bildungsgütern teil zu haben, oder die schiere Notwendigkeit wirtschaftlichen Wachstums, die neue Absatzkanäle und Absatzgruppen erforderlich macht? Also Befreiungsgeschichte oder Markterschließungsgeschichte? Die Beantwortung dieser Frage ist nicht einfach, denn aus der Sicht der Verleger, vor allem in ihren Festschriften gibt es nur die letztere Version zu lesen.

                       

Auszug aus dem Buch Klaus-W. Bramann/Michael Schikowski/Michael Buchmann (Hg.): Warengruppen im Buchhandel. Grundlagen - Allgemeines Sortiment - Fachbuch, Frankfurt am Main, Bramann Verlag, 2011.

0 Kommentare

Sa

06

Aug

2011

Auf der anderen Seite des Buchmarketings

Tassen - ohne Marketing absolut unverkäuflich
Tassen - ohne Marketing absolut unverkäuflich

von Michael Schikowski

 

Im BuchMarkt vom August 2011 fragt Rainer Groothuis: „Warum, zum xten Male in vielen Jahren gefragt, gibt es nicht längst ein Branchenmarketing?“ Leider gibt er genau darauf keine Antwort, sondern sammelt nur Argumente für das Branchenmarketing. Weiter sagt er dann: „Mir ginge es, wie gesagt, um ein Branchen-, um ein Buchmarketing, also eine Werbung für das Buch an sich…“ Darum geht es Groothuis, dem Buchwerber und Buchgestalter.

 

Die Frage, die er stellte, möchte ich hier beantworten. Wir haben kein Branchenmarketing, weil Bücher keine Menschen überfahren. Wir haben kein Buchmarketing, weil Bücher nicht in Kühlhallen heimlich umdeklariert werden. Wir haben keine Buchwerber für das Buch an sich, weil Bücher nicht ihre Umwelt verstrahlen.

 

Wir haben also deshalb kein Branchenmarketing, weil wir kein ADAC, keine fleischverarbeitende Industrie und kein Energieversorger sind.

 

Aber ist das Buch bedroht? Ist also deshalb vielleicht ein Buchmarketing notwendig, wie für Kinder, die auch mal laut sein dürfen, wie für Bäume, die einen Paten suchen, wie für eine saubere Stadt.

 

Wenn das Buch bedroht ist, warum ist dann nicht die Buchhandlung und die Stadtbibliothek der geeignete Platz, das bedrohte Buch zu erhalten und zu fördern? Wieso sollte auf Plakatwänden oder in elektronischen Medien für das Buch an sich Werbung gemacht werden? Es steckt doch keine kleine Bigotterie, darin, dass die Schau- und Stellplätze für das Buch versagen sollten und man darum im Medienwechsel sein Heil zu suchen hätte. Diese anderen Medien sollen dann besorgen, wozu die öffentlichen Foren und die Bücher selbst nicht mehr in der Lage sein sollen?

 

„Wie komme ich auf die andere Seite?“ ruft der Wanderer jenseits des Flusses. Der Gefragte ruft zurück: „Sie sind auf der anderen Seite!“ Sie sind auf der anderen Seite, Herr Groothuis.

 


2 Kommentare

Sa

06

Aug

2011

Wasserleichen der Poesie

Literarische Wassermusik - Hier werden die Gläser einer Lesung mit Geschick zu Gehör gebracht. Gelesen hatte Martin Mosebach.
Literarische Wassermusik - Hier werden die Gläser einer Lesung mit Geschick zu Gehör gebracht. Gelesen hatte Martin Mosebach.

von Michael Schikowski

 

Die Liste der zur lit.COLOGNE geladenen Autoren liest sich jedes Jahr aufs Neue wie die Gästeliste einer Fernsehshow am Samstagabend. Daran ist nichts auszusetzen, denn das Fernsehen selbst geht ja bekanntlich schon längst andere Wege. Da wird immer weniger eine Veranstaltung in ihrem Verlauf und Ergebnis abgebildet. Statt dessen wird immer mehr mit den Mitteln des Schnitts, der Musik und einiger dem Comic entlehnter Zusätze etwas völlig anderes inszeniert.

 

Als Stephan Porombka im Buchreport formulierte, dass man im Veranstaltungsbereich nicht ausschließlich "Wasserglaslesungen" machen könne, wurde von ihm die Veranstaltungskultur der Buchhandlungen, Literaturhäuser und Bibliotheken so hinterhältig anschaulich auf den Begriff gebracht, dass sich sofort Widerstand regte. Das Wasser, das er im Literaturbetrieb ausgeschenkt sieht, ist still und trübe: "Man muss sich klar sein," erläutert Porombka, "dass hinter der klassischen Autorenlesung doch ein recht alter Literaturbegriff steht, der vorgibt, dass man sich in die einzelnen Werke versenken muss, die Stimme des Autors hören muss, um dicht am Eigentlichen und Wesentlichen des Textes zu sein."

Damit, dass das Wasser aber 'schweres Wasser' sein könnte, welches Porombka dem Schriftsteller neben die obligatorische Leselampe stellt, hält er sich listig ein Hintertürchen zu den Autoren offen, insofern er Maßnahmen vorschlägt, mittels derer man seiner Ansicht nach dem "Energiekern der Literatur" wieder näher komme. Vom Wassergläschen zum Wasserstoffbömbchen also.

 

Bei Wasser und Buch

Darauf antwortet dann Rainer Moritz im Buchreport klipp und klar: "Ich halte von Stephan Porombkas forschen Forderungen nichts." Verdächtig immerhin, dass Rainer Moritz sofort verstanden hatte, was Stephan Porombka mit Wasserglaslesungen meinte. Porombkas Vorschläge kommen meiner Ansicht nach noch so daher wie der lebendige Literaturunterricht es in meinem alten Deutschbuch "Lesen und verstehen" vorsah.

Rainer Moritz versteht also sofort und bläht dann Porombkas Andeutungen zu einem auf Bild- und Tontechnik basierendem "Brimborium" zwischen "Musikbeschallung" und "Powerpoint-Präsentation" auf. Trotzig will er nun sogar das Saufen ("Weinverkostung") nicht mehr zulassen, womit er der Lesung im alten Stil gewiss den Todesstoß versetzt. Irgendwie kommt man auch bei Moritz nicht darum herum, an einen unfrischen Literaturunterricht zu denken: "Allenfalls ein fundiertes Gespräch mit dem Autor" – bei Wasser und Buch.

 

Die Literaturhäusler

Gegen Porombka gewendet resümiert Rainer Moritz dann: "So leicht lassen wir uns unseren alten Literaturbegriff nicht nehmen." Darauf der Literaturveranstalter und Schriftsteller Jan Böttcher: "So leicht lässt sich der alte Literaturbegriff nicht halten." So leicht, so schlecht.

Aber Rainer Moritz springt der Literaturvermittler und Handelsvertreter Benedikt Geulen bei, der meint, dass die Literaturveranstalter den Kampf mit der professionellen Eventkultur verlieren müssen: "Fernsehen, Kino, Konzerthallen und Theatersäle bieten allemal genug Unterhaltung auf technisch und künstlerisch höchstem Niveau." Als Handelsvertreter ist er auch Vermittler der Vermittlungformate der Literatur und schaut sich auf Veranstaltungen um.

 

Nomaden des Worts

Schließlich greift Hanna Hartberger in der Marginalglosse der Buchwissenschaftler das Thema nochmals auf, sie spricht von der "Öffnung der Autoren gegenüber neuen Leseorten" der "Interaktion zwischen Autor und Leser" und der neuen "Selbstinszenierung der Autoren". Man muss allerdings sehen, dass der Literaturbetrieb schon etwas länger ein Unterhaltungsgewerbe ist, das so eigenartigen Typen wie Egon Friedell oder Karl Kraus eine Bühne gab.

Wenn man noch weiter zurück geht, ist es also eher umgekehrt. Das Nomadentum der Troubadoure steht am Anfang der Literatur und findet seine Fortsetzung bis zu den gewerblich Vortragenden der 1920er Jahre. Dann kam das Radio. Aber ist das Thema dadurch, dass man seinen Neuigkeitswert relativiert, schon erschöpft? Keineswegs.

 

Die Ausweitung der Lesezone

Denn woher will man eigentlich so genau wissen, dass stets der Rohstoff produziert wird, den man auf Lesungen als Roman präsentieren kann? Dieser Nachschub wird ja nicht dadurch garantiert, dass möglichst viele Literaturevents durchgeführt werden. Dergleichen erscheint doch viel mehr als Ersatzhandlung.

Die Ausweitung der Lesezone auf neue Lokalitäten, trägt ja nicht zur Literaturverbreitung bei, sondern zur Auflösung der spezifischen Konturen dessen, was man als Lesung versteht. Dass man aber dann möglichst wenige davon durchführt oder nur solche, die auf elektronische Faxen verzichten, gibt keine Sicherheit.

Sicherheit für wen? Die Veranstalter, die Kulturvermittler etwa? Nein! Die Diskussion liest sich so, als müssten nun, da die Kultur vermittelnden Institutionen nun einmal bestehen, entsprechende Produkte geliefert werden, die von diesen präsentiert werden können. Dann ist man auch nicht weit davon entfernt, Autoren möglichst unverständliche Texte abzuverlangen, dass man etwas zu vermitteln habe.

Den entscheidenen Hinweis erhält man hier von Jan Böttcher, der zu Recht moniert, dass bei Stephan Porombka und Rainer Moritz Mitteilungen lediglich über die Rezeptionsseite zu finden sind, während sie die Produktionsseite unberücksichtigt lassen. In dieser Hinsicht sind allgemeine Mitteilungen über hippe junge Leute einfach nicht ausreichend. Denn diese Leute werden Romane schreiben, die vollkommen anders sein werden durch den elektronischen Datenträger. Dabei entsteht ein Material, das den Veranstalter ganz von alleine zu einer anderen medialen Präsentation mit Bild und Ton führt.

 

Gedruckte Events

In der Folge werden die Romane auf eine Art und Weise verändert sein, dass man sie, weil auf einer Wasserglasveranstaltung nicht zu zelebrieren, nicht als Romane akzeptieren wird. Die Wasserzeichen der Poesie (Enzensberger) haben auch immer als Kopierschutz gedient. Wer in ihnen für seine Texte Schutz sucht, wird nicht weit kommen, zumindest nicht, wenn er davon leben möchte. Was liegt also näher, als den umgekehrten Weg zu gehen, die Literatur von den Möglichkeiten ihrer Inszenierung her anzugehen. Wenn das dann einer drucken mag, umso besser. So werden Romane denkbar, die allein als Literaturveranstaltungen existieren, zu denen nichts weiter als T-Shirts bedruckt werden.

Zum ganzen Interview mit Stephan Porombka hier.

Zur Einlassung von Rainer Moritz hier.

Zur Marginalglosse von Hanna Hartberger hier.

 

0 Kommentare

Sa

06

Aug

2011

Tat Text Täuschung

Kreuz durchdrücken und durch
Kreuz durchdrücken und durch

von Michael Schikowski

 

Wissenschaftliche Texte, so wird man augenblicklich häufiger belehrt, seien etwas ganz anderes als politische Taten. Der inzwischen aufgedeckte Täuschungsversuch eines Ministers in einer wissenschaftlichen Arbeit kann aber nicht von seinem politischen Tatendrang getrennt werden.

Wenn diese Trennung sich durchsetzt, hat sich der Täuschungsversuch vom wissenschaftlichten Kontext in den politischen fortgesetzt.

 

Warum ist eine Trennung nicht möglich? Weil auch politisches Handeln, allemal das politische Reden, an Texte gebunden ist, ein jenseitiges Reich der reinen Taten, welche es auch seien, existiert nicht. Daher ist der Minister wie die Politik überhaupt an Taten vermittelnde Texte gebunden. Daher ist man auch in der Politik auf die Glaubwürdigkeit ihrer Texte angewiesen. Eben weil es darin niemals letzte Sicherheit geben kann und damit alles heikel bleibt, ist man auf Glaubwürdigkeit angewiesen, ganz so wie in der Wissenschaft.

 

Der Souverän

Wenn man also die Wissenschaft der Politik opfern zu können glaubt, was ist es, das diese Politik so wertvoll erscheinen lässt? Die Souveränität vielleicht, denn hier wird Politik als Gelassenheit und philosophische Weisheit über allen Parteien demonstriert. Der Souverän, das Volk, liebt solche unpolitische Souveränität offensichtlich.

Dass dieses Darüberstehen als vermeintlich ältere philosophische Haltung ein Missverständnis ist, dem nicht zuletzt der Minister zu unterliegen scheint, hat jüngst Kurt Flasch für die mittelalterliche Philosophie, die es ausgezeichnet zu Zanken verstand, nachgewiesen.

Die Verwahrlosung der Sitten durch die neuen Medien möchte man allerdings lieber irgendwie sozialisieren. So trägt nicht der Minister und sein fehlerhafter Umgang mit Texten anderer die Schuld, sondern die durch diese Medien gegebenen Möglichkeiten, Fehler zu entdecken und öffentlich zu machen.

 

Die Selbstbeobachtung der Guttenberg-Galaxis

Da steht insgesamt eine Entwicklung ins Haus, die sich als akademisches Wikileaks abzuzeichnen beginnt. Das Bildungssystem, das die gut Ausgebildeten in der Mehrzahl nicht zu integrieren weiß, besteht ja schon länger. Es produziert also selbst diejenigen, die sich mit Inbrunst der Entlarvung derer widmen, die ihnen den Übergang vom akademischen Abschluss zum ökonomischen Anschluss verweigern.

Kurzfristig bedeutet all dies aber vermutlich, dass man auf der Seite der Wissenschaft zu neuen Verhaltensweisen kommen wird, so wird in Zukunft ein weit geringfügiger Täuschungsversuch in Hausarbeiten, der früher vielleicht noch einmal unter der Hand bereinigt werden konnte und glimpflich ausging, zur sofortigen Exmatrikulation führen. Auch auf Bundeswehrhochschulen.

 

http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/GuttenPlag_Wiki

 

0 Kommentare

Sa

06

Aug

2011

Was das Leben formt

Wie präzise sind die Werkzeuge der Literatur?
Wie präzise sind die Werkzeuge der Literatur?

von Michael Schikowski

 

In der FAZ vom 30.01.2008 schrieb Richard Kämmerlings: "Blickt man auf die jüngsten Bucherfolge deutscher Autoren oder überhaupt auf das Themenspektrum unserer Erzähler, dann fällt eine merkwürdige Verknappung auf. Es dominiert die Retrospektive: einerseits historische Figuren wie bei Kehlmann oder Trojanow, andererseits Familiengeschichten (John von Düffel!) - am besten, wie bei den Buchpreisträgern Arno Geiger und Julia Franck, eine Kombination aus beidem. Der historische Familien- oder Generationenroman, gern als episches Jahrhundertpanorama, beherrscht die Szene. Man beginnt als Leser unter einseitiger Ernährung zu leiden. Denn es mangelt an dem, was unser Leben jenseits des Privaten formt und bestimmt: die Wirtschaft, die Technik, die Medizin, das Militär, ja selbst die Medien."

Er fragt dann: "Welcher Absolvent des Leipziger Literaturinstituts hat denn unter seinen Bekannten einen Broker, Manager oder Internisten? Allenfalls bei einer Preisverleihung stößt man als Romancier auf Vorstandsvorsitzende (weil der ortsansässige Kaffeefiltermarktführer zufällig Sponsor ist). Wieso also den Tellerand überwinden? Für viele ist Historie die Antwort; auf Recherche kommen die wenigsten."

Darauf antwortete Heiko Michael Hartmann in der FAZ vom 13.02.2008: "Ist es ein Zufall, dass die Literatur historisch nicht aus dem Journalismus hervorging? Das Lied ist der Ahne des Romans, nicht die Reportage. Die in der Sprache ertönende menschliche Seele schenkt dem Roman jenes Leben, das er selbst nicht ist. Ihr Rhythmus, ihr Klang sind der wahre, immer wiederkehrende, nie ganz verstehbare Zauber. Seine Beherrschung lässt sich schwerer erlernen als die Tricks, mit denen die Spannung einer Handlung erzeugt wird. Natürlich bedarf der Schriftsteller der Erfahrung des Lebens. Aber wirklich erfahren kann er nur das eigene Leben. Wer den Schriftstellern helfen will, braucht sie nicht nach Afghanistan zu schicken. Leiden lässt sich auch in Deutschland. Besser entlastet man sie von überzähligen, sich selbst widersprechenden Erwartungen. Zum Beispiel von der, dass ein verkaufbares Buch in einer hektisch und geizig gewordenen Zeit ein All-in-one-Produkt sein müsse: anspruchsvolle Literatur, informationsträchtiges Sachbuch und Thriller zugleich."

 

Den Artikel von Richard Kämmerlings können Sie nachlesen unter
http://www.faz.net/s/...http://www.faz.net/s/Rub1DA1FB848C1E44858CB87A0FE6AD1B68/Doc~EF2F5664A02074A9DBACA9B5BFB6B837A~ATpl~Ecommon~Scontent.html

 

In diesen Tagen erscheint nun Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit ´89 von Richard Kämmerlings im Verlag Klett-Cotta.

 

0 Kommentare