Do

17

Nov

2011

Billy und die digitalen Mythologen

Bezahlung - hier nur räumlich von der Dienstleistung getrennt. In der digitalen Welt ist sie bereits ganz abgetrennt.

von Michael Schikowski

 

Wie oft und an wie vielen Stellen ist mir schon die sensationelle Neuigkeit unter die Nase gemailt worden, dass IKEA die Tiefenmaße des Bücherregals Billy von 30 auf 40 Zentimeter erhöht. Dergleichen wird in der Community wie ein epochaler Paradigmenwechsel verbreitet: IKEA schafft das Bücherregal ab! Mir ist vollkommen entgangen, dass das Möbelhaus nun die Zukunft des Buches voraussehen kann. Auf welcher empirischen Basis man diese Entscheidung bei den Schweden auch immer getroffen haben mag, am Ende ist es die digitale Community selbst, die diese Entscheidung plausibilisiert. Allein dadurch, dass sie sie verbreitet. Die Verbreitung ist dann die Botschaft. Denn inzwischen hat sich die digitale Community vor allem darin als erfolgreich erwiesen, digitale Mythen zu verbreiten. Man nennt das auch gerne selbstbewußt virales Marketing, unterschlägt aber immer, dass der Stuss, der damit verbreitet wird, über seine Verbreitung sich nicht in lautere Wahrheit verwandelt.

 

Eine Mitarbeiterin einer Kommunikationsagentur erzählt einer Autorin, sie habe neulich von einem Experiment in den USA gehört: Vorschulkindern wurden Kinderbücher kommentarlos in die Hand gegeben. Diese Kinder nahmen das Buch wie ein Brett in die Hand und bewegten angeblich die Finger auf dem Buchrücken nach oben und unten, ganz wie auf einem elektronischen Lesegerät. Beim Hören hat es die Mitarbeiterin nicht belassen, sie sagt es weiter und die Autorin hat es sogar in ihrem Blog aufgeschrieben.

 

Es geht hier allerdings nicht darum, diese Nachrichten aus der Möbelwelt und Geschichten aus der digitalen Wirklichkeit einfach nur hinsichtlich ihres Wahrheitsgehalts zu bezweifeln. Es geht um die kommunikative Funktion dieser Nachrichten und Geschichten. Nachrichten und Geschichten, die nur weiter gereicht, nur weiter erzählt werden. Nichts weiter. Die Community erweist sich gegenüber den Nachrichten und Geschichten so gleichgültig wie ein Schwamm gegenüber Feuchtigkeit. Der saugt auch Gülle auf.

 

Haben oder Design

 

Wer hier von einer E-Book-Lobby spricht, droht sich nachgerade lächerlich zu machen. Wie aber die Prozesse sich vollziehen, in deren Verlauf die Community sich als hilfloser Handlanger erweist, kann man sich im Bereich der Landwirtschaft klar machen: Wie gelingt es, die Getreidepreise zu kontrollieren? Indem ich mich an den Anbau von Getreide mache, also Felder kaufe? Indem ich Speicher baue und Getreidespeicher anlege? All dies nicht, man lässt sich einfach die Erbinformation patentieren. Analog dazu wird man in der E-Book-Lobby versuchen, eine Verwertungsstufe zu finden, die allem, der kreativen Bebauung wie auch der Bevorratung und Speicherung von Kreativität voraus liegt. Im Oktober 2011 patentierte man in den USA die Handbewegung, mittels der man ein iPhone entriegelt. Die Community macht hier in ihrer ganzen heiteren Harmlosigkeit den Eindruck, dass sie vom Verständnis der Verwertungsstufen der digitalen Industrie so weit entfernt ist, wie der Bauer von der genetischen Erbinformation seines Getreides. 

 

Digital unpolitisch

 

Aber es könnten ja zugleich diejenigen, die sich über die Maße von Billy im digitalen Zeitalter so wegfreuen, ihre ganze Kompetenz zur elektronischen Informationsbeschaffung auch anders nutzen. Sie tun es aber nicht und dies mag nicht zuletzt an ihrer unpolitischen Sozialisation liegen. Was würden sie denn feststellen können? Einmal, dass das schwedische Möbelhaus in Deutschland einen Marktanteil von knapp 13 Prozent hat. Schließlich, dass im Jahr pro Haushalt kaum 750 Euro für Möbel ausgegeben werden. Wer Geschichten und Nachrichten über das Netz verbreitet, so könnte man schließen, verbreitet sie über das Netz, weil er das Netz nicht richtig zu nutzen versteht.

 

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Kommentare: 3

  • #1

    Michael Buchmann (Samstag, 26 November 2011 13:11)

    Zum Lesen gedruckter Texte ein Artikel der Süddeutschen:
    http://www.sueddeutsche.de/medien/nutzung-von-buechern-und-zeitungen-steigt-prozent-jugendliche-lesen-wieder-mehr-1.1218562

  • #2

    E. Buch (Montag, 28 November 2011 15:03)

    Wo ist das Problem? Bei aller Verteufelung digitaler Medien und des Online-Marketing (wozu sie auch immer gut sein mag, denn die Qualität von Inhalten hing noch nie vom Medium, sondern immer schon von den Verfassern ab, den politischen, unpolitischen wie den intellektuellen und palavernden) scheint Hr. Schikowski vollkommen entgangen zu sein, dass tiefere Regalböden eine großartige Lagermöglichkeit für noch mehr hochwertige Hardcover-Sachbücher sind!

    Internet und eBook sind aber doch nicht böse! Die Diskussion hier findet doch auch darin statt. Dass dort z.T. Schwachsinn zu finden ist, ist kein Grund, das Medium zu verteufeln. Schließlich würde niemand den Buchdruck schlechthin verteufeln, nur weil die Katzenberger heutzutage Bestseller schreibt oder Dreigroschenromane Wörter wie "nachgerade" nicht benutzen (was allein übrigens auch noch kein Qualitätskriterium für Inhalte ist).

    Wer als solche Geschichten und Nachrichten über das Netz verbreitet, ..., will auch nur seine Meinung zum Besten geben. Und diese ist auch nicht besser oder schlechter, ja, nicht mal unpolitischer als die vieler anderer. Sie ist und bleibt nur EINE Sicht der Dinge.

    Dabei ist das Internet schon längst nicht mehr nur ein Medium. Die Menschen leben darin. Fern jeder "Mythologie" verbingen sie tagtäglich ihren Alltag darin, kaufen ein, sondern Meinungen ab, suchen Partner, Jobs und alte wertvolle Buchausgaben.

    Und - das sage ich jetzt als politisch denkender Digital Native: Ich möchte das alles gar nicht missen und kenne dennoch Wörter wie und bleibe dabei trotzdem ein Homo Politicus.

    :/

  • #3

    Michael Schikowski (Montag, 28 November 2011)

    Sehr geehrte/r E. Buch,
    es wäre großartig, wenn Sie hier unter Ihrem Namen schreiben würden. Mir ist außerdem nicht ganz deutlich geworden, gegen wen sich mein Text Ihrer Ansicht nach richtet und für was genau er plädiert. Ich habe versucht eher eine Beschreibungsebene einzuhalten. Sie scheinen da mehr zu wissen, als ich selbst. Schließlich: Gut wäre, wenn Sie Ihrer sehr weit gehenden Behauptung, dass das "Internet schon längst nicht mehr nur ein Medium" sei, eine Erläuterung anschließen. Sie schreiben: "Die Menschen leben darin." Ich bezweifle sehr, dass diese Worten über eine übertragende Bedeutung hinaus oder das übliche Netzpathos, irgendein Sinn zukommt. Der Eindruck drängt sich auf, dass der Ausweis zur digitalen Community zu gehören bzw. ihr grundsätzlich positiv gegenüber eingestellt zu sein, sich über emotionale und ungeordnete Mitteilungen ergibt. Dann wären fehlende Grußformeln und Unordnung schon Stilprinzipien, die eine Botschaft senden.
    Mit freundlichen Grüßen
    Michael Schikowski

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